Alpha-1-Antitrypsin-Mangel

Der Alpha-1-Antitrypsin-Mangel (Proteaseinhibitormangel, AAT-Mangel) ist eine erbliche Stoffwechselerkrankung. Betroffenen fehlt ein Schutzeiweiß der Lunge, das sogenannte Alpha-1-Antitrypsin. Durch den fehlenden Schutz wird das Lungengewebe im Laufe der Jahre zersetzt, was man als Emphysem bezeichnet. Auch andere Organe, wie die Leber können betroffen sein. Es kommt vor, dass Betroffene diese Symptome schon früh z.B. Anfang 30 wahrnehmen. Obgleich AATM zu den seltenen Erkrankungen zählt, schätzen Experten, dass es allein in Deutschland bis zu 20.000 homozygot von AATM Betroffene gibt.

Wozu braucht der Körper Alpha-1-Antitrypsin?

Staub oder Krankheitserreger gelangen mit der eingeatmeten Luft in die Lunge. Die meisten schädlichen Partikel werden bereits in der Nase oder den oberen Atemwegen abgefangen. Verbleibende Eindringlinge wehrt das Immunsystem, zu dem auch die weißen Blutkörperchen (Leukozyten) gehören, ab. Dabei und auch durch den normalen Alterungsprozess sterben weiße Blutkörperchen ab.
Abgestorbene weiße Blutkörperchen setzen Enzyme frei. Eines dieser Enzyme ist die Elastase, ein Eiweißkörper, der die gesunden, normalen Körperzellen angreift und sozusagen "verdaut".

Die aggressive Elastase wird beim Gesunden schnell durch den Eiweißkörper Alpha-1-Antitrypsin unschädlich gemacht. Der Körper von Menschen mit Alpha-1-Antitrypsin-Mangel produziert zu wenig des schützenden Alpha-1-Antitrypsins. Durch diesen Mangel können die Wände der Lungenbläschen durch die Elastase zerstört werden. Hierdurch entsteht schließlich ein Lungenemphysem.

Alpha-1-Antitrypsin schützt die Lungenbläschen gegen aggressive Enzyme.

Wie wird Alpha-1-Antitrypsin-Mangel vererbt?

Jede menschliche Zelle besitzt im Zellkern für jede Aufgabe eine doppelte Garnitur von Erbinformationen (Genen). Ein Gen stammt von der Mutter, das andere vom Vater. Für Alpha-1-Antitrypsin können also im Zellkern zwei „richtige“ Erbinformationen (Gene) vorhanden sein. Es kann aber vorkommen, dass ein Gen oder beide Gene verändert sind. Eine solche Veränderung nennt man Mutation. Die Erbinformation kann sogar vollständig fehlen.

Die „richtige“ Erbinformation bezeichnet man mit „M“. Sind im Zellkern zwei „richtige“ Informationen, also MM, ist der Träger gesund.
Klinisch wichtig sind zwei verschiedene Veränderungen der Erbinformation (Mutationen), die man mit „S“ bzw. „Z“ bezeichnet.

Welche gesundheitlichen Probleme verursacht Alpha-1-Antitrypsin-Mangel?

Die häufigste Folge des Alpha-1-Antitrypsin-Mangels ist die Erkrankung der Lunge. Wenn die Lunge betroffen ist, treten erste Beschwerden meist zwischen dem 30. und 40. Lebensjahr auf. Sie äußern sich zunächst als Luftnot in Belastungs situationen. Schließlich entwickelt sich das Vollbild eines Lungenemphysems. Beim Lungenemphysem sind die kleinsten Bronchien verschlossen und die nachgeschalteten kleinen Lungenbläschen gehen zugrunde. Die Lungenstruktur wird zerstört und die Gasaustauschfläche ist vermindert. Die Lunge enthält dann mehr Luft als bei Gesunden und ist dauerhaft erweitert (Überblähung).
Der Sauerstoffgehalt des Blutes sinkt. Im Spätstadium kommt es zu einer (Rechts-)Herzbelastung. Diese Veränderungen treten
insbesondere dann auf, wenn der Betroffene durch Inhalation schädlicher Substanzen – meistens ist das in Deutschland
der Zigarettenrauch – die Lunge zusätzlich belastet.

Wie kann Alpha-1-Antitrypsin-Mangel diagnostiziert werden?

Der Alpha-1-Antitrypsin-Spiegel kann im Blut gemessen werden. Wenn der Patient das möchte, kann die Erbinformation (der Genotyp) im Labor z.B. in dem Alpha-1-Antitrypsin-Labor der Universität Marburg bestimmt werden.

Diese Untersuchung ist dann sinnvoll, wenn in der Familie des Betroffenen jemand an einem Lungenemphysem erkrankt ist oder ein AATM bekannt ist oder eine COPD besteht, die sich trotz Behandlung nicht bessert. Der Hausarzt oder der Lungenfacharzt kann diese Blutuntersuchung veranlassen.

Sollte ein Patient betroffen sein, so kann er sich in das zentrale Register für Patienten mit Alpha-1-Antitrypsin-Mangel an der Universität Homburg / Saar eintragen lassen. Mit Hilfe des Registers sollen Möglichkeiten der Vorbeugung der Entwicklung des Emphysems und Behandlung des Alpha-1-Antitrypsin-Mangels wissenschaftlich untersucht werden.
www.alpha-1-register.de

Wie kann Alpha-1-Antitrypsin-Mangel behandelt werden?

Die Behandlung hat zwei Ziele:

  • Verlangsamung der weiteren Zerstörung von Lungengewebe
  • Linderung der bestehenden Beschwerden und Verbesserung der Lebensqualität.

Mit Hilfe vorbeugender Maßnahmen kann das Auftreten der Beschwerden hinausgezögert werden. Die wichtigste vorbeugende Maßnahme ist der Verzicht auf Tabakrauch. Tabakrauch beschleunigt und verschlimmert die Zerstörung des Lungengewebes. Berufliche Schadstoffe sowie Passivrauchen sollten ebenfalls gemieden werden.
Auch die Vermeidung von Infekten spielt eine wichtige vorbeugende Rolle. Zu empfehlen ist die regelmäßige Grippeschutzimpfung. Medikamente werden eingesetzt, um die Beschwerden zu lindern und Exazerbationen vorzubeugen. Es sind die gleichen Medikamente, die für COPD ohne Nachweis des Alpha-1-Antitrypsin-Mangels verordnet werden.

Bei einem bestimmten Grad der Lungenschädigung kann es notwendig und sinnvoll sein, dem Körper das fehlende Alpha-1-Antitrypsin in Form regelmäßiger Infusionen zuzuführen (Substitutionstherapie), um das Fortschreiten der Erkrankung zu mindern.
Bereits eingetretene Schäden können jedoch durch die Zufuhr von Alpha-1-Antitrypsin nicht rückgängig gemacht werden. Deshalb macht eine Substitutionstherapie im allgemeinen Sinn, wenn Lungenfunktion zwar bereits abgenommen hat, jedoch noch ausreichend gesundes (zu schützendes) Gewebe zur Verfügung steht. Dieser Bereich entspricht ungefähr 35% bis 60% des
Sollwertes der forcierten Einsekunden kapazität (FEV1).

Ernsthafte Krankheitsfolgen sind bei Kindern zwar anteilmäßig seltener als bei Erwachsenen, können in manchen
Fällen aber sehr schwerwiegend sein. Die frühzeitige Diagnosestellung und vorbeugende Maßnahmen haben
daher in allen Altersgruppen eine sehr große Bedeutung.